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ROUNDUP 4: Dramatischer Überlebenskampf bei Arcandor - Bürgschaft geplatzt

Zeit: 08.06.09 16:41

ESSEN/BERLIN (dpa-AFX) - Beim schwer angeschlagenen Handels- und Tourismuskonzern Arcandor (ARO.ETR) spitzt sich der Kampf ums Überleben dramatisch zu. Am Montag lehnte der Lenkungsausschuss des "Wirtschaftsfonds Deutschland" in Berlin eine von Arcandor (Karstadt, Quelle) beantragte 650-Millionen Euro-Bürgschaft ab. Das Unternehmen braucht bis Freitag dieser Woche dringend Geld. Vor der Essener Zentrale schwor Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick die Belegschaft des Konzerns auf einen Kampf um jeden Job ein.

Eick hielt auf einer roten Leiter stehend eine emotionale Rede per Megafon an die Essener Belegschaft. Die Absage aus Berlin bedeute keineswegs die Insolvenz, rief der Manager, der auf Anzug und Krawatte verzichtet hatte.

BUNDESWEITE MAHNWACHEN

Bundesweit gab es Aktionen von Karstadt-Beschäftigten wie Mahnwachen, es wurden Schaufenster verhüllt und die Beschäftigten fuhren in Autokorsos in die Innenstädte. Die Aktie des Unternehmens mit über 50.000 Stellen im Handel stürzte um um mehr als 40 Prozent ab, zeitweilig auf ein historisches Tief von 1,10 Euro. Aus Sicht von Karstadt würde eine Pleite des Unternehmens nicht nur zahlreiche Jobs vernichten; ohne Karstadt drohe auch die Verödung zahlreicher Innenstädte.

Nach Unternehmensangaben könnte ein von Arcandor parallel beantragter 437-Millionen-Euro-Rettungskredit des Staates die Pleite noch abwenden. Am Mittag begannen dazu Beratungen im Bundeswirtschaftsministerium. Die Bundesregierung äußerte sich aber zurückhaltend und ließ eine Entscheidung zunächst offen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drängte auf mehr Engagement der Arcandor-Eigentümer und Gläubiger. Was fehle, sei "die Dringlichkeit", mit der sich beide Seiten um eine Lösung bemühten, sagte Merkel am Montag in Berlin.

ENDGÜLTIGE ENTSCHEIDUNG ÜBER NOTKREDIT

Eine endgültige Entscheidung über den beantragten Notkredit für das Unternehmen könnte möglicherweise erst Mitte dieser Woche fallen, hieß es am Montag in Berlin. Dem Karstadt- und Quelle-Mutterkonzern Arcandor bleibt nur noch wenig Zeit. Ein 650-Millionen-Euro-Kredit läuft an diesem Freitag aus. Schon am Sonntag hatten die Parteien einschließlich des Warenhaus-Konkurrenten Kaufhof ohne konkretes Ergebnis über eine Warenhausfusion verhandelt, mit der etwa zwei Drittel der Karstadt-Häuser weitergeführt werden könnten. Die am Montag weitergeführten Verhandlungen seien hart, hieß es aus Teilnehmerkreisen. Sowohl die Zahl der Standorte als auch der Kaufpreis seien strittig.

Der Kaufhof-Mutterkonzern Metro hatte vorgeschlagen, 60 der 90 Karstadt-Häuser weiterzuführen. Außer 30 Karstadt-Häusern sollten nach Worten von Metro-Chef Eckhard Cordes auch 10 Kaufhof-Filialen geschlossen oder umgestellt werden. Merkel erinnerte allerdings daran, dass auch die von Arcandor jetzt verlangten Rettungsbeihilfen des Staates schon wegen der Vorgaben des EU-Rechts "mit einem erheblichen Stellenabbau" verbunden sein müssten.

STAATSBÜRGSCHAFT GEPLATZ

Der Lenkungsausschuss des Bundes hatte die Verweigerung einer Staatsbürgschaft damit begründet, dass "erhebliche Zweifel" an der Tragfähigkeit des Arcandor-Konzeptes bestünden. Zudem seien Kriterien für die Hilfen aus dem "Wirtschaftsfonds" nicht erfüllt. Arcandor hatte sich eine Staatsbürgschaft in Höhe von 650 Millionen Euro und einen Kredit über 200 Millionen Euro aus dem Wirtschaftsfonds erhofft.

Ein Arcandor-Sprecher nannte die Gespräche über einen möglichen Zusammenschluss mit dem Konkurrenten Kaufhof am Montag "sehr konstruktiv". Es werde sehr konkret über ein Konzept geredet, die Parteien hätten am Nachmittag auch vereinbart, sich gegenseitig die Bücher mit den betriebswirtschaftlichen Planungs- und Geschäftszahlen zu öffnen.

BUND POCHT AUF ENGAGEMENT DER EIGENTÜMER

Der Bund pocht vor einer Entscheidung über staatliche Rettungsbeihilfen für Arcandor weiterhin auf mehr Engagement der Eigentümer. Großaktionäre sind die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz und die Privatbank Sal. Oppenheim. Es sei nicht einzusehen, dass die öffentliche Hand Risiken übernehmen solle, wenn es von den Eigentümern kein klares Signal und keine Antworten gebe, wie sie für die Zukunft von Arcandor einstehen, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg.

Unterdessen prüft die Staatsanwaltschaft Essen die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff. Es geht um Vorwürfe im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften des vor der Insolvenz bedrohten Handelskonzerns. Das nordrhein-westfälische Justizministerium hatte auf Anregung von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) ein entsprechendes Schreiben aus Berlin an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Eine Sprecherin der Essener Behörde bestätigte am Montag den Eingang. Middelhoff hatte die Vorwürfe am Wochenende zurückgewiesen./rs/sl/uk/bb/DP/gr


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Arcandor AG Stuttgart 0,010 0,010 0,012 0,0060 0,0090 261 13:30 -10,00
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